Viele Hobbygärtnerinnen und Hobbygärtner unterschätzen, wie viel in ihrem Rhabarber steckt. Mit einer alten, heute kaum noch bekannten Technik aus dem Nutzgarten lassen sich bereits ab Spätwinter besonders zarte, rosafarbene Stiele ernten, die deutlich weniger Säure mitbringen – ideal für Kuchen, Kompott und Desserts.
Was hinter der Methode steckt
Im Gartenjargon heißt der Kniff „Rhabarber treiben“. Dahinter steckt ein einfaches Prinzip: Die Pflanze wächst gezielt im Dunkeln und stellt dadurch ihren Wachstumsrhythmus um. Sie treibt schneller aus, die neuen Stiele werden länger und weicher – und schmecken spürbar milder.
„Wer Rhabarber treibt, holt die Ernte um mehrere Wochen nach vorn – und bekommt zugleich aromatischere, weniger faserige Stiele.“
Üblicherweise beginnt die Rhabarbersaison im April und dauert bis Juni. Danach steigt der Oxalsäuregehalt in den Stielen so stark, dass sie nicht mehr in der Küche landen sollten. Durch das Treiben verlagert sich der Erntebeginn häufig in den März – in milden Wintern sogar bis in den späten Februar.
Warum Rhabarber im Dunkeln besser wird
Unter normalen Bedingungen wächst Rhabarber mithilfe der Fotosynthese: Die Blätter setzen Sonnenlicht in Energie um. Damit werden die Stiele versorgt und zugleich der kräftige Wurzelstock, das sogenannte Rhizom, gestärkt.
Beim Treiben wird der Pflanze das Licht bewusst entzogen. Der Wurzelstock ist jedoch noch mit Reserven aus der Vorsaison „aufgeladen“. Weil über die Blätter keine neue Energie mehr nachgeliefert wird, greift der Rhabarber auf diese Vorräte zurück, um weiter auszutreiben.
Das hat klare Auswirkungen: Auf der „Suche“ nach Licht strecken sich die Stiele stärker, bleiben dabei weich, bilden weniger Fasern und lagern weniger Säuren ein. Gleichzeitig wird kaum Chlorophyll gebildet – so entstehen die typischen zartrosa bis leuchtend pinken Stiele, die auf der Küchenarbeitsplatte sofort ins Auge fallen.
Die Rolle der dunklen Abdeckung
Damit das Treiben funktioniert, wird über den Rhabarberstock eine lichtdichte Haube gestellt. Im professionellen Anbau nutzt man dafür spezielle Tontöpfe; im Hausgarten reichen meist robuste Alltagsgegenstände, die ohnehin vorhanden sind.
Die Abdeckung hat dabei zwei Funktionen:
- Dunkelheit: Sie schließt Tageslicht aus und aktiviert so den veränderten Wachstumsmodus.
- Wärme: Unter der Haube sammelt sich etwas Wärme; der Boden kühlt weniger aus und die Pflanze startet früher.
Am besten eignen sich hohe, bauchige Gefäße, damit neue Stiele ausreichend Platz haben. In vielen Gärten kommen zum Einsatz:
- ein großer, umgedrehter Tontopf (Abzugsloch abdichten)
- ein schwarzer Maurerkübel oder Eimer
- eine stabile Kunststofftonne
- eine alte Metall- oder Plastikmülltonne
Entscheidend ist: Ins Innere darf kein Licht gelangen. Helle Gefäße lassen sich notfalls mit dunkler Folie oder einem alten Jutesack umhüllen.
Schritt-für-Schritt: So treiben Sie Ihren Rhabarber
1. Der richtige Zeitpunkt
Los geht es am Ende des Winters, solange der Rhabarber noch ruht oder gerade erst Knospen zeigt. Der Boden sollte nicht mehr tief gefroren sein; leichte Fröste machen nichts aus. Wird zu spät abgedeckt, geht Potenzial verloren, weil die Pflanze dann bereits über die Blätter Energie aufnimmt.
2. Den Wurzelbereich vorbereiten
Rund um den Stock wird der Boden flach gelockert und Unkraut entfernt. Danach tut eine kleine „Wellnesskur“ dem Wurzelbereich gut:
- eine Handvoll gut verrotteten Stallmist oder Kompost einarbeiten
- eine dicke Mulchschicht, zum Beispiel aus Laub oder Stroh, ringsum verteilen
Mulch speichert Bodenwärme und schützt den Wurzelstock vor starken Temperaturschwankungen – das unterstützt den frühen Austrieb zusätzlich.
3. Dunkelheit erzeugen
Nun wird die Haube direkt über den Rhabarberstock gesetzt, idealerweise so, dass sie rundherum auf dem Boden aufliegt. Kleine Spalten lassen sich mit Erde oder Mulch abdichten, damit keine Lichtstrahlen eindringen.
„Der ideale Standort zum Treiben liegt windgeschützt. So bleibt die Temperatur unter der Abdeckung stabil, und das Gefäß kippt nicht beim ersten Sturm.“
Wer möchte, legt zusätzlich etwas Mulch oder ein Brett oben auf die Haube. Das beschwert das Gefäß und verstärkt zugleich den Wärmespeichereffekt.
Wie lange dauert das Treiben?
Ab jetzt ist Geduld gefragt. Abhängig von der Witterung braucht Rhabarber etwa drei bis fünf Wochen, bis die Stiele die passende Länge erreicht haben. In dieser Zeit sollte die Haube nicht ständig angehoben werden, damit es innen dunkel bleibt.
Zum Kontrollieren reicht ein seitlicher Blick oder ein kurzes Anheben. Sobald die Stiele ungefähr 20 bis 30 Zentimeter lang sind, kann die erste Ernte beginnen.
Richtig ernten und Pflanze schonen
Geerntet wird nicht mit dem Messer: Der Stiel wird unten an der Basis herausgedreht. Dazu greift man so tief wie möglich, dreht leicht und zieht den Stiel gleichzeitig nach außen. So bleibt die Wundfläche klein und der Stock erholt sich schneller.
Typische Kennzeichen eines erfolgreichen Treibens:
| Merkmal | Getriebener Rhabarber | Normal gewachsener Rhabarber |
|---|---|---|
| Farbe | zartrosa bis kräftig pink | oft grün mit roten Anteilen |
| Textur | sehr zart, kaum Fasern | kräftiger, mit deutlicheren Fasern |
| Geschmack | milder, weniger sauer | deutlich säuerlicher |
| Erntezeit | ab Spätwinter / Frühfrühling | ab April |
Nach dem Abernten wird die Haube entfernt. Den Rest der Saison braucht der Rhabarber, um wieder Blätter zu bilden und die Reserven im Wurzelstock aufzufüllen.
Wie oft darf man einen Stock treiben?
Treiben kostet die Pflanze mehr Kraft als normaler Wuchs, weil sie dabei stark von ihren Vorräten lebt. Darum sollte ein einzelner Stock nicht jedes Jahr getrieben werden.
Bewährt im Hausgarten hat sich:
- nur alte, kräftige Pflanzen nutzen, mindestens drei bis vier Jahre alt
- einen Stock treiben, einen anderen normal wachsen lassen
- dem getriebenen Stock im nächsten Jahr eine Pause geben
Wer mehrere Pflanzen im Beet hat, kann das Treiben jährlich abwechseln. So bleibt der Bestand auf Dauer gesund und ertragreich.
Welche Sorten eignen sich besonders?
Im Prinzip lässt sich jede Rhabarbersorte treiben. Besonders attraktiv fallen jedoch Sorten aus, die von Natur aus rot gefärbt sind: Unter der Haube entwickeln sie häufig eine sehr intensive, fast leuchtende Farbe und schmecken ausgesprochen mild.
Auch grünfleischige Sorten profitieren: Ihre Stiele werden zarter, und der Säuregehalt sinkt merklich – selbst wenn die Optik weniger spektakulär ist.
Typische Fehler – und wie man sie vermeidet
- Zu lange getrieben: Sehr lange, blasse Stiele werden schnell weich und instabil. Besser rechtzeitig ernten – und dafür häufiger.
- Lichteinfall: Schon kleine Spalten schwächen den Effekt. Abdichten zahlt sich aus.
- Junge Pflanzen treiben: Einjährige oder schwache Stöcke sollten ihre Energie erst in Wachstum und Aufbau stecken und ungestört wachsen.
- Kein Futter nach dem Treiben: Getriebene Pflanzen profitieren im Frühjahr von einer Portion Kompost und regelmäßigem Gießen.
Was in der Küche daraus wird
Getriebener Rhabarber ist besonders dann ideal, wenn ein Dessert nicht zu sauer werden soll. Häufige Klassiker sind:
- milde Kompotte zu Joghurt oder Porridge
- Kuchen mit wenig Zucker, weil die Stiele von Natur aus sanfter sind
- Rhabarber-Crumble oder Streuselkuchen
- Chutneys als Beilage zu Käse oder Gegrilltem
Da die Stiele deutlich zarter sind, zerfallen sie beim Kochen schneller. Kürzere Garzeiten helfen, Form und Farbe zu erhalten.
Praktische Ergänzungen für den Alltag im Garten
Zum Einstieg kann man zunächst nur einen Stock treiben und die Ernte mit normal gewachsenem Rhabarber kombinieren. So verlängert sich die Saison: zuerst zarte, milde Stiele aus der Dunkelkur, später die kräftigeren Stangen aus dem offenen Beet.
Nebenbei lohnt sich ein Blick auf die Blätter. Sie gehören zwar nicht auf den Teller, eignen sich aber als Material für Jauchen und Auszüge, die im Gemüsebeet Blattläuse fernhalten können. So erfüllt Rhabarber im Garten gleich zwei Zwecke: frühe, milde Stiele für die Küche und eine natürliche Hilfe beim Pflanzenschutz.
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