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Der luxuriöseste und stärkste Unimog U4023: Mercedes-Benz & Hellgeth Engineering

Mercedes-Benz Unimog fährt bei Sonnenuntergang auf Landstraße, kleineres Auto im Hintergrund sichtbar.

Was ist das?

Im Kern steht hier ein Unimog U4023. Und doch eben nicht – denn dieses Exemplar wurde von der Daimler/Mercedes-Benz Special Trucks Division gemeinsam mit Hellgeth Engineering behutsam, aber sehr gezielt umgekrempelt. Aus dieser Art Avengers-Kollaboration ist der „luxuriöseste und leistungsstärkste Unimog“ entstanden, den es je gab – auch wenn er streng genommen weiterhin ein Prototyp ist.

Was man auf den Bildern sieht, ist im Grunde ein Sport-Lkw: der Hypercar-Unimog, gebaut als Machbarkeitsnachweis für einen stärker strassenorientierten „Mog“. Für reale Erprobungsfahrten soll er tatsächlich auf öffentlichen Strassen unterwegs sein – in den Händen eines Kunden aus den USA, sobald Emissionsvorschriften und Importformalitäten geklärt sind. Wer das ist, bleibt geheim. Vermutlich taucht er aber wieder auf … in Deutschland, um ihn abzuholen, sobald die Papiere durch sind. Hust.

Fotos: Alex Tapley [oben]/Hersteller [unten]

Verstanden. Vielleicht. Was wurde verändert?

Ziemlich viel – wobei man fairerweise sagen muss: Ein Unimog in serienmässiger Offroad-Auslegung ist ohnehin alles andere als zart besaitet. So bleiben die Portalachsen an Bord, die das Differenzialgehäuse über die Radmitte anheben und zusätzlich über ein Getriebe in den Radnaben maximale Drehmomentmultiplikation ermöglichen – für den senkrechten Ritt an der Eiger-Nordwand und/oder das entspannte Vorrollen durchs Arndale Centre. Alternativ lassen sich die Naben auch auf 1:1 betreiben und man verlässt sich auf die Übersetzung des Unimog-Getriebes, inklusive extrem kurzer Untersetzung.

Dazu kommen vollmechanische Differenzialsperren, schwer ausgelegte Komponenten rundum, ein Rahmen, der sich bei harter Verschränkung in der Mitte mitbewegt, riesige Reifen – und Aerodynamik, die ungefähr so subtil ist wie die stumpfe Kante von Dorset.

Als Konzept legt dieses Fahrzeug aber noch eine Schippe drauf: Mattgrauer Lack trifft auf eine neue Verkleidung, die dem ansonsten kompromisslosen Arbeitslook eine Prise Stil verpasst – eher Calvin Klein als Carhartt. Oben sitzt ein schicker Dachträger (praktisch nur schwer zu beladen, schliesslich hängt er etwa 3,66 m über dem Boden), dazu der vermutlich massivste Überrollbügel der Welt, eine grosse Lightbar, LED-Leuchten vorne und hinten, digitale Spiegel aus einem modernen Lkw, und Unterfahrschutzplatten, die auch an ein Kriegsschiff passen würden.

Wer den Reifendruck aus der Kabine absenken will, muss sich nicht schmutzig machen: Eine zentrale Reifenfüllanlage ist an Bord. Ausserdem gibt es einen 165-Liter-Tank, der bei Bedarf auf 235 Liter oder mehr erweitert werden kann. So ein entspannter Tankstopp für 350 £.

Das braucht man auch, denn während viele Unimogs mit grossen Vierzylindern unterwegs sind, steckt hier einer der selteneren Reihensechszylinder drin – von Hellgeth abgestimmt und überarbeitet, wodurch das Fahrzeug eben nicht mehr einfach „nur“ ein U4023 ist. Die Basis ist eine Variante von Mercedes’ OM936 mit 7,7 Litern Hubraum. Ja: knapp über 1,1 Liter pro Zylinder. Die Leistung liegt „nur“ bei 300 bhp, dazu kommen 1.033 lb ft Drehmoment.

Das Leistungsgewicht eines Fahrzeugs, das über zehn Tonnen auf die Waage bringt, ist … nun ja … ungefähr auf dem Niveau eines frühen Renault 4. Doch Übersetzung und schiere Masse bedeuten, dass dieses Ding bei Bedarf durch die gefrorenen Ödnisse der Hölle pflügen könnte. Es geht nicht um Tempo, sondern darum, nicht aufzuhalten zu sein – und möglicherweise sogar darum, die Erde aus ihrer Achse zu ziehen. Auch abseits der Strasse.

Und innen? Das soll doch Luxus sein.

Ist es auch. Irgendwie. Wenn man „Luxus“ daran misst, was in einem Unimog normalerweise passiert, ist das hier eindeutig die gehobene Klasse. Dass Maybach-Ingenieure deswegen in Panik geraten, ist allerdings eher nicht zu erwarten.

Konkret gibt es jetzt vier rautenförmig gesteppte Ledersitze, luftgefedert und elektrisch verstellbar. Es sind jedoch grundsätzlich die Sitze, die man auch im normalen „Mog“ bekommt – nur mit mehr Zierde: bequem, aber nicht übertrieben komplex.

Tatsächlich stehen in einer Kabine, die die Grösse einer kleinen Wohnung hat, nur vier Plätze zur Verfügung – denn in der Mitte dominiert weiterhin ein motorverkleidungsartiger, mit gestepptem Leder bezogener „Sarg“. LED-Ambientelicht ist vorhanden, ebenso zusätzliche gesteppte Lederflächen an zwei Paneelen im Dachhimmel, aber dieses Fahrzeug wurde innen nicht komplett neu gedacht.

Das merkt man spätestens am riesigen Lenkrad, das sich anfühlt wie im Serienfahrzeug: fast flach liegend, ausgerichtet auf nüchterne, zweckmässige Instrumente. Die Mittelkonsole bleibt ebenfalls im Serien-Stil: Kunststoff und sehr viele Tasten. Schalter für Untersetzung, elektrische Fensterheber, diverse Lichtfunktionen – ergänzt um einen Drehregler für die drei Differenzialsperren. Praktisch, robust, ein bisschen banal; nur fehlt auffällig jede Spur von gerändeltem Edelmetall.

Wobei: Genau darum geht es hier nicht – und wäre das Ganze zu geschniegelt, könnte ein Teil des Charmes verloren gehen. Gross ist es allerdings: Man sitzt deutlich höher als in jedem aktuellen SUV und schaut Lkw-Fahrern praktisch auf Augenhöhe direkt ins Gesicht.

Wie fährt sich das?

Schon der serienmässige „Mog“ in dieser Ausführung ist keine reine Arbeitsgeräte-Variante: Man kann keine typischen Anbaugeräte daran betreiben, und auch das Lenkrad lässt sich nicht wie bei manchen ultimativen Arbeitsversionen von links nach rechts versetzen, um auf dem Feld bequemer zu arbeiten. Dieses Konzept zielt stattdessen auf das Maximum an Geländetauglichkeit – und dynamisch wurde kaum etwas verändert, das diese Fähigkeiten einschränken oder das Strassenverhalten grundlegend verbessern würde.

Die Reifen sind stärker auf Asphalt ausgelegt als bei Acker-Unimogs, was hilft. Trotzdem bleiben Gewicht, Höhe und die weiche Federung die grossen Grenzen. Die Lenkung fühlt sich mittelschwer an und ist extrem indirekt übersetzt – was bei so einem Fahrzeug eher ein Vorteil ist, weil man es nicht mit einem unglücklichen Handgelenkzucken in Schwierigkeiten bringen möchte. Im Kreisverkehr kurbelt man mehr, als man erwartet, und zu viel Tempo wird mit kräftiger, abrupt wirkender Wankneigung quittiert.

Und ja: Es gibt tote Winkel in Serie. Die Digitalkameras entschärfen das aber spürbar – eine sitzt im Dachhimmel für den direkten Blick nach hinten, und die seitlichen Monitore zeigen sowohl die hinteren Kotflügelbereiche als auch den Raum deutlich unterhalb der eigenen Hüfte. So kann man tatsächlich nach versteckten Radfahrern oder VW Polos schauen. In der Stadt ist das absurd unterhaltsam: Leute jubeln wirklich, wenn man vorbeifährt. Seltsam.

Das Getriebe ist eine achtstufige elektro-pneumatische Automatik mit dem typischen „Pause–Schalten–Einkuppeln“-Ablauf von Zugmaschinen, die mehrtonnige Anhänger bewegen. Es arbeitet gemächlich und ist bei ungefähr 56 mph (rund 90 km/h) am Ende – ehrlich gesagt dürfte man ohnehin kaum Lust haben, wesentlich schneller unterwegs zu sein. Die Bremsen sind reproduzierbar, verlangen aber Voraussicht: Man fährt im Prinzip wie ein Lkw-Fahrer mit erhobenem Blick, scannt weit nach vorne und bremst im eigenen Rhythmus – nicht im Rhythmus anderer.

Allerdings zieht auch kaum jemand direkt davor raus. Wenn es ein Auto gibt, das andere Verkehrsteilnehmer automatisch respektvoller macht, haben wir es bisher nicht gefunden.

Und wie sieht’s aus – kann man so einen kaufen?

Aktuell läuft dieser Unimog offiziell als „Konzept“. Sollte das Interesse gross genug sein, könnte man aber über eine sehr kleine Serie nachdenken. Beim Preis herrscht noch Unschärfe; mit viel Wechselgeld unter drei Viertel Millionen Euro (ungefähr 650.000 £) sollte man eher nicht rechnen. Andererseits kann Hellgeth den Motor grundsätzlich liefern, und vieles vom restlichen Umbau liesse sich mit Budget und Willen ebenfalls beschaffen – im strengsten Sinn ist es also kein reines Luftschloss.

Eines ist jedoch sicher: Als Strassenfahrzeug-und-Sport-Lkw zieht dieses Ding mehr Blicke auf sich als jeder aufgemotzte G-Wagen oder Revuelto. Wer damit am Casino Square vorfährt, bekommt die gesamte Aufmerksamkeit. Und belegt gleich noch sechs Parkplätze.

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