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Petit Navire und Quecksilber im Thunfisch: „Machen Sie den Test“

Person öffnet Dose mit Lupe, Schnelltest, Smartphone und Glas Wasser auf weißem Tisch in Küche.

Statt seine Produkte so umzubauen, dass sie weniger Quecksilber enthalten, setzt das Unternehmen lieber darauf, Tests zu finanzieren, die belegen sollen, dass „die richtige Menge“ drin ist. Alles gut – stören wir gerade?

In der Lebensmittelindustrie gibt es eine unausgesprochene Regel, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ziemlich verlässlich zu funktionieren scheint: Solange niemand allzu genau hinschaut, was in deinem Produkt steckt, gibt es keinen Grund, es besonders sichtbar zu machen. Pech nur, dass Petit Navire diesmal eine Ausnahme machen muss – als Reaktion auf den jüngsten Quecksilber-Skandal.

Aktion „Machen Sie den Test“: Quecksilberprüfung für Thunfischdosen

Vom 24. März bis 5. Mai 2026 bietet Petit Navire seinen Kundinnen und Kunden an, die Quecksilberkonzentration ihrer Thunfischdose in einem unabhängigen Labor prüfen zu lassen. Ganz ohne Haken ist es allerdings nicht: Es gibt nur 1.000 Analysen.

Das Programm läuft unter dem Titel „Machen Sie den Test“ und wird damit begründet, wie es auf der offiziellen Kampagnenseite heisst: „Bei Petit Navire ist Ihr Vertrauen für uns entscheidend“. In der Branche ist so ein Schritt selten – oder sagen wir: fast.

Um zu verstehen, warum es überhaupt so weit kommt, muss man rund anderthalb Jahre zurückgehen. Und dabei riecht einiges unangenehm nach Schadensbegrenzung.

Der Thunfisch, der den Wald verdeckt

Im Oktober 2024 platzierte die NGO BLOOM eine Nachricht, die in den Regalen erst richtig zündete, als sie Anfang März dieses Jahres breite Aufmerksamkeit bekam. In 148 Konservendosen, die in fünf europäischen Ländern entnommen und von einem unabhängigen Labor untersucht wurden, zeigte sich: 100 % waren mit Quecksilber belastet.

Mehr als jede zweite Dose lag dabei über dem strengsten Grenzwert, der für Meeresprodukte herangezogen wird: 0,3 mg/kg. Besonders auffällig: Den Spitzenwert erreichte eine Dose *Petit Navire, gekauft in einem Pariser Geschäft, mit einer Rekordkonzentration von *3,9 mg/kg*. Das sei, so BLOOM auf der eigens eingerichteten Seite zu dem Fall, „13 mal höher als bei Arten, die der strengsten Norm von 0,3 mg/kg unterliegen*“.

Warum Methylquecksilber so problematisch ist

Zur Erinnerung: Methylquecksilber wird von der WHO zu den zehn weltweit besorgniserregendsten Chemikalien für die öffentliche Gesundheit gezählt – in einer Liga mit Asbest oder Arsen (das mit Reis ebenfalls schon seine mediale „Hochphase“ hatte). Definitiv nicht der Stoff, den man nach dem Sport am liebsten in den Salat kippt.

Reaktion der Branche: erst Schweigen, dann Werbung

Wie reagierten die Thunfischhersteller? Zunächst mit Funkstille – und später mit Gegenangriff per Anzeigenkampagne. Laut der NGO Foodwatch versuchten sie im Februar 2025, sich reinzuwaschen, auf eine… unbeholfene und ziemlich beleidigende Art. „[…] der Syndicat Français Des Conserveries de Poisson (Petit Navire, Saupiquet, Connétable, La Belle Iloise…) veröffentlichte eine ganzseitige Anzeige in mehreren grossen Zeitungen und behauptete, Thunfisch aus der Dose sei „gesund zum Verzehr““.

Trotz dieses verzweifelten (und unerquicklich wirkenden) Versuchs brachen die Verkäufe von Dosenthunfisch zwischen November 2024 und Februar 2025 um 10 bis 20 % ein. Ebenfalls nach Angaben von BLOOM bekam die Muttergesellschaft von Petit Navire, Thai Union, an der Börse einen heftigen Dämpfer: Sie „sah ihren Kurs […] zwischen Oktober 2024 und April 2025 um mehr als 30% abrutschen und erreichte den tiefsten Stand seit einem Jahrzehnt“.

Vor diesem Hintergrund wirkt das Timing von „Machen Sie den Test“ weniger wie Grosszügigkeit – und mehr wie ein Schritt, der erst dann kommt, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht.

Petit Navire will sich nicht kampflos abfinden und verteidigt sich, wie franceinfo berichtet. Die eigenen Kontrollen – 270 in den letzten drei Jahren – hätten „niemals Quecksilberwerte über den geltenden EU-Normen gezeigt und liegen im Durchschnitt zwischen 0,2 und 0,3 mg/kg, also 70 bis 80 % unter dem zulässigen Grenzwert“.

Grenzwert 1 mg/kg: der Kern des Streits

Der Knackpunkt: Der gesetzliche Grenzwert liegt bei 1 mg/kg. Genau diesen Schwellenwert kritisieren BLOOM und Foodwatch seit Monaten. Ihr Vorwurf: Der Wert sei nicht in erster Linie gesetzt worden, um Konsumentinnen und Konsumenten zu schützen, sondern damit die grossen Thunfischkonzerne den Grossteil ihrer Bestände weiter absetzen können.

Falls jetzt der Gedanke aufkommt, Petit Navire habe plötzlich die Tugend entdeckt: nicht anbeissen. Das Konstrukt wirkt eher wie gesundheitliches „Greenwashing“, das vor allem eines soll: das Publikum ablenken – in der Hoffnung, dass Aktionärinnen und Aktionäre nicht zu hart auf den Tisch hauen. Wenn eine Marke das dringende Bedürfnis verspürt, mit A und B zu beweisen, dass sie dich nicht vergiftet, dann steckt meistens mehr dahinter, als man auf den ersten Blick sieht.

Ehrlichkeit hat – wie Thunfisch – ein Mindesthaltbarkeitsdatum, das man besser nicht überschreitet.

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