Ultra-verarbeitete Lebensmittel verdrängen weltweit traditionelle Lebensmittel und Mahlzeiten, verschlechtern die Ernährungsqualität und tragen zum Anstieg ernährungsbedingter chronischer Erkrankungen bei.
Obwohl die Werbeausgaben der führenden Anbieter ultra-verarbeiteter Lebensmittel zusammengenommen sogar das Gesamtbudget der Weltgesundheitsorganisation (WHO) überragen, können Regierungen, Kommunen und Gesundheitsfachkräfte viel dagegen tun.
Zu diesen Ergebnissen kommen unsere drei wegweisenden Fachbeiträge zu ultra-verarbeiteten Lebensmitteln, die heute in der Zeitschrift The Lancet veröffentlicht wurden.
Bei ultra-verarbeiteten Lebensmitteln handelt es sich um Produkte, die aus industriell hergestellten Zutaten und kosmetischen Zusatzstoffen „engineert“ werden und typischerweise nur wenige oder gar keine intakten Ausgangslebensmittel enthalten. Dazu zählen zum Beispiel Softdrinks, Chips und viele Frühstückscerealien.
Wir argumentieren, dass das Kernproblem nicht mangelnde Willenskraft einzelner Menschen ist, sondern vor allem kommerziell getrieben ist – als Ergebnis einer sehr einflussreichen Industrie.
Die Evidenz
Der erste Beitrag bündelt die Studienlage und zeigt: Ultra-verarbeitete Lebensmittel breiten sich global aus. In vielen Ländern ist ihr Anteil an der Ernährung über Jahrzehnte hinweg gestiegen.
In den Vereinigten Staaten, im Vereinigten Königreich und in Kanada ist dieser Anteil seit Langem konstant sehr hoch (rund 50% der täglichen Energieaufnahme). Dort sind ultra-verarbeitete Lebensmittel faktisch zur nationalen Ernährungsweise geworden. Ähnliches gilt für Australien.
Zweitens macht der Beitrag deutlich, dass Ernährungsweisen mit vielen ultra-verarbeiteten Lebensmitteln Überessen fördern und ernährungsphysiologisch ungünstig sind: mehr Zucker, mehr gesättigte Fette und höhere Energiedichte, dafür weniger Ballaststoffe sowie weniger zentrale Vitamine und Mineralstoffe – und insgesamt weniger unverarbeitete bzw. wenig verarbeitete Lebensmittel.
Drittens fasst der Beitrag die Gesundheitsrisiken zusammen. In einer von uns durchgeführten systematischen Übersichtsarbeit mit 104 Langzeitstudien berichteten 92 Studien über erhöhte, damit verbundene Risiken für mindestens eine chronische Erkrankung.
Meta-Analysen dieser Studien bestätigten Zusammenhänge mit Adipositas, Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, hohen Cholesterinwerten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronischer Nierenerkrankung, Morbus Crohn, Depressionen sowie frühem Tod durch alle Ursachen.
Entscheidend ist dabei: Es geht nicht nur um „too much sugar, salt and fat“. Klinische Studien zeigen, dass Erwachsene bei einer Ernährung mit hohem Anteil ultra-verarbeiteter Lebensmittel im Vergleich zu einer nicht ultra-verarbeiteten Ernährung mit denselben Makronährstoffanteilen täglich etwa 500–800 zusätzliche Kalorien aufnehmen, an Körpergewicht und Fettmasse zulegen und schneller essen.
Wahrscheinlich liegt das an der höheren Energiedichte, der besonders hohen Schmackhaftigkeit und den weichen Texturen, die Überessen bei ultra-verarbeiteten Lebensmitteln erleichtern.
Weitere Forschung ist eindeutig nötig. Dennoch ist die Evidenz inzwischen stark genug, um eine globale gesundheitspolitische Reaktion zu begründen.
Politische Handlungsoptionen
Unser zweiter Beitrag beschreibt Instrumente für Regierungen, die das Problem angehen wollen. Vier Ansätze stechen hervor:
- Produkte verändern: Eine Reformulierung – also wenn Zucker durch Süssstoffe ersetzt oder Fett durch Zusatzstoffe ausgetauscht wird, die ein fettähnliches Mundgefühl erzeugen – löst das Problem nicht.
Stattdessen könnten Staaten Grenzwerte für ausgewählte Zusatzstoffe festlegen und „ultra-processed food markers“ wie Farben, Aromastoffe und zuckerfreie Süssstoffe (zusätzlich zu hohen Gehalten an Zucker, Fett und Salz) nutzen, um ultra-verarbeitete Produkte für Regulierungen zu identifizieren.
- Ernährungsumgebungen verbessern: Evidenzbasierte Optionen sind unter anderem:
- verpflichtende Warnhinweise auf der Vorderseite der Verpackung einzuführen, die Verbraucherinnen und Verbraucher wirksam informieren und Käufe reduzieren
- Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren – insbesondere auf digitalen Plattformen – vor Marketing für ultra-verarbeitete Lebensmittel zu schützen und Schutzregeln über reine „kids' hours“ hinaus auszuweiten
- zuckerhaltige Getränke (mindestens 20%) und ausgewählte ultra-verarbeitete Lebensmittel zu besteuern; die Einnahmen zu nutzen, um Obst, Gemüse und frisch zubereitete Mahlzeiten für Haushalte mit niedrigem Einkommen zu subventionieren
- ultra-verarbeitete Lebensmittel aus Schulen, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Einrichtungen zu entfernen, ihren Anteil in Supermarktregalen zu begrenzen und die Verfügbarkeit ultra-verarbeiteter Lebensmittel in der Nähe von Schulen einzuschränken.
Unternehmensmacht begrenzen: Regierungen könnten stärker die Produktportfolios regulieren sowie den Anteil der Umsätze aus ultra-verarbeiteten Lebensmitteln überwachen und begrenzen; zudem die Wettbewerbspolitik stärken und Steuerreformen prüfen, die übermässige Marktmacht eindämmen.
Subventionen und Lieferketten neu ausrichten: Agrarsubventionen könnten weg von Monokultur-Rohstoffen für ultra-verarbeitete Lebensmittel (wie Mais, Soja und Zucker) umgelenkt werden. Ausserdem sollten Umweltpolitiken (etwa zu Plastikreduktion oder Wasserverbrauch) mit Ernährungszielen in Einklang gebracht werden.
Erfolg wird nur über passgenaue, abgestimmte Massnahmenpakete entstehen – eine einzelne „Wunderlösung“ gibt es nicht.
Der ultra-verarbeiteten Lebensmittelindustrie entgegentreten
Unser dritter Beitrag untersucht, weshalb ultra-verarbeitete Lebensmittel menschliche Ernährungsweisen zunehmend dominieren – und wie sich eine globale Public-Health-Reaktion mobilisieren lässt.
Die zentrale Antwort lautet: Es muss um Unternehmensmacht und Profitabilität gehen. Ultra-verarbeitete Lebensmittel sind das profitabelste Geschäftsmodell im Lebensmittelsektor.
Die grössten transnationalen Konzerne stehen an der Spitze globaler Netzwerke für Versorgung, Marketing und Lobbyarbeit. So werden Märkte ausgedehnt, Wissenschaft und öffentliche Debatten beeinflusst und Regulierungen blockiert.
Hersteller ultra-verarbeiteter Lebensmittel können ihre Gewinne einsetzen, um deutlich mehr in Marketing zu investieren, Produktionsstätten aufzubauen, ultra-verarbeitete Produkte weltweit zu verbreiten und Lobbyistinnen und Lobbyisten zu finanzieren.
So gaben führende Lebensmittelkonzerne im Jahr 2024 beispielsweise wesentlich mehr für Werbung aus als das gesamte operative Budget der Weltgesundheitsorganisation.
Unternehmen und ihnen verbundene Gruppen nutzen dabei dieselbe Strategie wie die Tabak- und die fossile Industrie: Lobbying, Klagen, Selbstregulierung und gesponserte Wissenschaft, um politische Reaktionen zu verzögern.
Unser Beitrag fordert daher eine globale Public-Health-Antwort:
- das Geschäftsmodell ultra-verarbeiteter Lebensmittel zu stören, etwa durch die Besteuerung der Produktion ultra-verarbeiteter Lebensmittel, verbindliche Vorgaben zum Recycling von Unternehmensplastik und die Umleitung von Ressourcen zur Unterstützung gesunder Lebensmittelproduzenten und Familien
- politische Entscheidungsprozesse und Wissenschaft vor Einflussnahme zu schützen – mit Regeln zu Interessenkonflikten und klaren Rahmenbedingungen für den Umgang mit der Industrie. Die Abhängigkeit von Selbstregulierung der Branche sollte enden; stattdessen braucht es öffentliche Politik und Recht
- Bündnisse aufzubauen, die bei politischen Entscheidungsträgern für Veränderungen eintreten und Reformen vorantreiben – von juristischer Unterstützung bis zu strategischer Kommunikation.
Unsere Beiträge machen deutlich: Ohne politische Massnahmen und eine koordinierte globale Reaktion wird der Anteil ultra-verarbeiteter Lebensmittel in der Ernährung weiter steigen – mit Schäden für Gesundheit, Volkswirtschaften, Kultur und den Planeten. Jetzt ist der Zeitpunkt zu handeln.
Phillip Baker, ARC Future Fellow und Sydney Horizon Fellow, School of Public Health, University of Sydney, University of Sydney; Camila Corvalan, Full Professor of the Public Nutrition Unit of the Institute of Nutrition and Food Technology, Universidad de Chile; Carlos Monteiro, Professor am Department of Nutrition der School of Public Health, Universidade de São Paulo (USP); Gyorgy Scrinis, Associate Professor of Food Politics and Policy, The University of Melbourne; und Priscila Machado, Research Fellow, Institute for Physical Activity and Nutrition, Deakin University
Dieser Artikel wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
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