Lange Zeit galt als nahezu ausgemacht, dass sich der Ackerbau in Europa rasch ausbreitete und das Leben als Jäger und Sammler fast überall verdrängte. Eine neue Studie zeigt nun, dass dieses Bild nicht durchgehend stimmt.
In Teilen des heutigen Belgiens, der Niederlande und des angrenzenden Deutschlands hielten Gemeinschaften noch über Jahrtausende an Jagd und Sammeln fest – obwohl der Ackerbau anderswo bereits längst den Alltag veränderte.
Ermöglicht wurde dieser bisher verborgene Einblick durch antike DNA. Die Auswertung macht zudem deutlich: Frauen spielten eine Schlüsselrolle dabei, landwirtschaftliches Wissen in diese Gemeinschaften hineinzutragen.
Alte Spuren ausgraben
Der Paläoökologe Professor John Stewart von der Bournemouth University untersucht seit über 20 Jahren Höhlen in dieser Region.
Dabei arbeitete er eng mit Archäologinnen und Archäologen der Université de Liège in Belgien zusammen. Gemeinsam legte das Team in den Regionen Maas und Niederrhein menschliche Überreste frei.
Diese Gebiete liegen im heutigen Belgien, in den Niederlanden und in Deutschland. Die Funde datieren in den Zeitraum von 8500 bis 1700 v. Chr.
An der University of Huddersfield führten Forschungsstudierende die DNA-Analysen durch.
Bedeutung des Neolithikums
Das Neolithikum war ein grundlegender Wendepunkt in der europäischen Geschichte. In dieser Epoche begannen Menschen, Pflanzen gezielt anzubauen und Tiere zu halten, statt sich ausschliesslich auf wild verfügbare Ressourcen zu stützen. Landwirtschaft veränderte die Ernährung, die Art des Siedelns und die täglichen Routinen.
Im Europa der Vorzeit schränkten keine Nationalgrenzen die Mobilität ein. Gruppen legten weite Strecken zurück und standen miteinander in Kontakt. Mit der Zeit führten Vermischungen zwischen Bevölkerungen zur Entstehung neuer Kulturen und Sprachen.
Aus dieser Phase sind der Forschung drei grosse Abstammungslinien in europäischen Populationen bekannt. Eine geht auf frühe Jäger-und-Sammler zurück, die wiederum Nachfahren der ersten modernen Menschen in Europa waren.
Ein weiterer genetischer Hintergrund stammt von bäuerlichen Gruppen, die aus dem Nahen Osten einwanderten. Eine dritte Wurzel wird mit Pastoralisten, also Viehhirten, verbunden, die aus dem südlichen Russland nach Westen zogen.
DNA zeigt einen langsamen Wandel
In weiten Teilen Europas führte die Ausbreitung des Ackerbaus ab etwa 4500 v. Chr. zu einem deutlichen genetischen Umbruch: Die Abstammungslinien der Bauern setzten sich rasch durch.
In der untersuchten Region ergab sich jedoch ein anderes Bild. In Landschaften mit vielen Flüssen, Feuchtgebieten und reichhaltigen Küstenressourcen wechselten lokale Gemeinschaften nicht sofort zur Landwirtschaft.
Stattdessen blieb Jagd und Sammeln noch bis zu 3.000 Jahre lang üblich, nachdem der Ackerbau andernorts bereits verbreitet war.
Die DNA-Daten zeigen, dass sich die genetische Zusammensetzung der lokalen Bevölkerung nur langsam verschob. Der Anteil der Jäger-und-Sammler-Abstammung blieb über einen langen Zeitraum hoch.
Landwirtschaftliche Praktiken wurden demnach schrittweise übernommen – nicht durch eine plötzliche Verdrängung.
Frauen verbreiteten landwirtschaftliches Wissen
Zu den auffälligsten Ergebnissen zählt die Rolle von Frauen. Muster in der DNA deuten darauf hin, dass unter den zuwandernden Bauern häufig Frauen waren, die in lokale Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften einheirateten. Mit ihren Genen brachten sie zugleich Wissen über Landwirtschaft mit.
Anstatt dass grosse Gruppen die ansässige Bevölkerung ersetzten, stiessen offenbar kleine Zahlen von Frauen zu bestehenden Gemeinschaften. Über den Alltag, die Essenszubereitung und das Grossziehen von Kindern verbreiteten sich landwirtschaftliche Fertigkeiten nach und nach.
„Diese Studie hat auch die entscheidende Rolle von Frauen bei der Weitergabe von Wissen aus den einwandernden Bauerngemeinschaften an die lokalen Jäger und Sammler ans Licht gebracht“, erklärte die Mitautorin der Studie, Dr. Maria Pala.
„Dank Studien zur antiken DNA können wir nicht nur die Vergangenheit aufdecken, sondern auch der unschätzbaren, aber oft übersehenen Rolle von Frauen eine Stimme geben, die die menschliche Evolution mitgeprägt haben.“
Damit wird sichtbar, wie stark soziale Bindungen und Familienleben den Lauf der Geschichte beeinflussten.
Der Wandel vollzog sich sehr langsam
Flüsse und Feuchtgebiete boten in dieser Gegend reichlich Fisch, Vögel und Wildpflanzen. Durch diese üppigen natürlichen Ressourcen bestand für lokale Gemeinschaften wenig Druck, ältere Lebensweisen aufzugeben. Landwirtschaft wurde eher zu einem Bestandteil des Alltags als zu einem vollständigen Ersatz.
„Wir erwarteten einen klaren Bruch zwischen den älteren Jäger-und-Sammler-Populationen und den neueren Ackerbauern, aber offenbar war der Wandel in den Tiefländern und entlang der Flüsse der Niederlande und Belgiens weniger unmittelbar. Es ist wie eine Wasserwelt, in der die Zeit stehen blieb“, sagte Professor John Stewart.
Die Jäger-und-Sammler-Abstammung blieb bis etwa 2500 v. Chr. ausgeprägt. Dann tauchte Glockenbecher-Keramik auf. Neue Bevölkerungsgruppen mit Abstammung aus Russland breiteten sich über Europa aus.
Im Unterschied zu den vorherigen Veränderungen hatte diese Migration eine deutlich stärkere genetische Wirkung und drängte ältere lokale Linien zurück.
Neuer Blick auf die britische Geschichte
Die Studie verändert auch die Sicht auf die Geschichte Grossbritanniens. Nach 2500 v. Chr. führten Menschen in der Frühen Bronzezeit in Britannien mehr als 90 Prozent ihrer Abstammung auf kontinentale Glockenbecher-Populationen zurück.
Frühere Gemeinschaften – darunter die Erbauer von Stonehenge – verschwanden im genetischen Befund nahezu vollständig.
Antike DNA formt unser Wissen über die Vergangenheit weiter um. Statt einer einfachen Erzählung von schneller Verdrängung zeigt die Evidenz in manchen Regionen einen langsamen, vielschichtigen Prozess.
In wasserreichen Teilen Nordwesteuropas existierten Jagen, Sammeln und Ackerbau über Jahrtausende nebeneinander. Frauen beeinflussten durch Heirat und Wissensaustausch im Hintergrund den Verlauf der menschlichen Evolution.
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