Forschende haben in den Anden einen seltenen Waldbaum entdeckt, der mit Tomaten und Kartoffeln verwandt ist – und der zu einer Pflanzengruppe gehört, die bislang noch nie benannt worden war.
Der Fund ordnet einen Teil der Familie der Nachtschattengewächse neu und verbindet den Baum zugleich mit Pflanzenstoffen, die in der Medizin eine starke Wirkung haben.
Hinweise in Sammlungen
Den Ausschlag für die neue wissenschaftliche Einordnung gaben sowohl gepresste Herbarbelege als auch frisch gesammelte Pflanzen aus dem Wald.
Indem sie diese Indizien gegeneinander abwog, ordnete Gina P. Sierra von der Nationalen Universität von Kolumbien den Baum einer eigenen Linie innerhalb der Nachtschattengewächse zu.
Obwohl es über 20 Jahre lang Nachweise aus Kolumbien und Peru gab, blieb seine Position unter den nächsten Verwandten ungeklärt.
Weil diese Einordnung fehlte, liessen sich auch die ungewöhnlichen Merkmale des Baums nur schwer deuten – bis ein präziserer Vergleich möglich wurde.
Neue Baumgattung Daturodendron
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gaben der neuen Gattung – einer formalen Kategorie oberhalb der Art – den Namen Daturodendron, was sinngemäss einen baumförmigen Verwandten von Datura bezeichnet.
Anders als viele bekannte Nachtschattengewächse wächst diese Pflanze als verholzter Baum mit einem einzelnen Stamm und erreicht in feuchten Wäldern bis zu rund 20,1 m Höhe.
Auch die Blütenstellung fällt auf: Die Blüten zeigen nach oben, während bei vielen verwandten Engelstrompeten die Blüten nach unten hängen – ein sichtbarer Unterschied, der auf eine eigenständige Entwicklungsgeschichte hinweist.
Hinzu kommt, dass die Früchte geschlossen und holzig bleiben; damit weicht der Baum ebenfalls von Erwartungen ab, die durch mehrere bekanntere Verwandte geprägt wurden.
Wo sie überlebt
Bestätigte Bestände gibt es in Nebelwäldern – feuchten Bergwäldern, die häufig im Dunst liegen – in Kolumbien und im Norden Perus.
Dort wächst der Baum in Höhenlagen von etwa 1.340 bis 2.100 m, wo nasse Hänge zahlreiche Pflanzen vor Hitze und Trockenheit abschirmen.
Trotz Geländeaufenthalten in den Jahren 2022 bis 2025 sind bislang nur wenige, voneinander getrennte Populationen in zwei Ländern bekannt.
Diese schmale Datenlage macht jeden Fundort bedeutsam – auch, weil verstreut vorkommende Bäume verschwinden können, noch bevor sie ausreichend erforscht oder geschützt sind.
Familienbande werden klarer
Der Baum gehört zu einem kleinen Zweig innerhalb der Nachtschattengewächse, also derselben Pflanzengruppe, zu der auch Tomaten und Kartoffeln zählen.
Mit der Aufnahme von Daturodendron absconditum veränderten die Forschenden die Zusammensetzung dieser Gruppe und zeichneten ihre Evolutionsgeschichte genauer nach.
„Zusammen stützen diese Ergebnisse die Anerkennung von Daturodendron als eigenständige Gattung innerhalb der Datureae“, schrieben Sierra und Mitautorinnen sowie Mitautoren.
Das ist relevant, weil eine neu abgegrenzte Gattung helfen kann, ursprüngliche Merkmale zu erkennen, die spätere Verwandte beibehalten, umgeformt oder verloren haben.
Chemische Abwehr ist entscheidend
Die Blätter von Daturodendron absconditum enthalten Tropanalkaloide – natürliche Abwehrstoffe, mit denen Pflanzen sich schützen, indem sie das Nervensystem von Tieren stören.
Das Team wies mehrere nervenwirksame Substanzen nach, die in der Medizin genutzt werden, sowie eine verwandte Verbindung mit ähnlichen Effekten.
Wahrscheinlich helfen diese Stoffe dem Baum dabei, frassende Insekten oder andere Pflanzenfresser abzuschrecken, indem deren Nervensystem beeinträchtigt wird.
Gleichzeitig knüpft ihr Vorkommen den neuen Baum an eine lange menschliche Geschichte an, in der Nachtschatten-Chemie als nützlich, riskant und sehr wirkmächtig gilt.
Gene erzählten die Geschichte
Genetische Daten ordneten Daturodendron absconditum als Schwestergruppe aller übrigen Mitglieder der Datureae ein – nicht als späte Abzweigung.
Dafür verglichen die Forschenden 292 Gene aus 45 Arten der Nachtschattengewächse, was die zentrale Verwandtschaftsbeziehung deutlich absicherte.
Ein breiter angelegtes chemisches Screening umfasste zudem 105 Arten und zeigte, in welchen Bereichen der grossen Pflanzenfamilie Tropanalkaloide auftreten.
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass dieses chemische Abwehrsystem in den Datureae alt sein könnte, auch wenn bei einigen Verwandten noch direkte Tests fehlen.
Medizin trifft Vorsicht
Die Substanzen wecken Interesse, weil Ärztinnen und Ärzte ähnliche Verbindungen etwa gegen Übelkeit, Reiseübelkeit und Muskelkrämpfe einsetzen.
Eine separate Genomstudie zeigte, dass mehrere Linien der Nachtschattengewächse im Lauf der Zeit Teile dieses Stoffwechselwegs verloren haben.
Gerade dieses Muster aus Verlust und Erhalt macht den neuen Baum wertvoll, um nachzuverfolgen, welche Gene den Weg funktionsfähig gehalten haben.
Trotz möglicher pharmazeutischer Bedeutung gilt: Das macht die Pflanze nicht automatisch ungefährlich im Umgang – und schon gar nicht zu einer Ressource, die man unbedacht in Wildwäldern ernten sollte.
Risiko durch Seltenheit
Aktuell wird die Art als „Daten unzureichend“ eingestuft, eine Schutzkategorie für Fälle mit zu wenig belastbaren Informationen.
Die Rote Liste der IUCN liefert den weltweit verwendeten Rahmen, um das Aussterberisiko anhand von Bestandsgrösse, Verbreitungsgebiet und Bedrohungen zu bewerten.
Die Forschenden warnen, dass der Baum später als „Gefährdet“ oder „Stark gefährdet“ eingestuft werden könnte, weil in der Nähe einiger kolumbianischer Standorte Städte und Strassen vordringen.
Für eine tragfähige Schutzplanung braucht es genauere Karten, wiederholte Erhebungen und den Schutz der Waldflächen, in denen der Baum tatsächlich vorkommt.
Lehren aus Daturodendron
Zwischen dem ersten bekannten Sammelbeleg aus dem Jahr 2004 und der formalen Benennung vergingen mehr als 20 Jahre.
Diese Verzögerung zeigt, dass Pflanzenentdeckungen von Zusammenarbeit über sechs Länder hinweg, Feldforschung, lokalem Zugang und Fachleuten abhängen, die ungewöhnliche Details erkennen.
Der Baum ist weder winzig noch unterirdisch verborgen – dennoch blieb seine wissenschaftliche Identität über eine Generation hinweg offen.
Solche Fälle erinnern daran, dass Biodiversität selbst in Regionen übersehen werden kann, die an Strassen, Städte und Schutzgebiete angebunden sind.
Künftige Erhebungen in Ecuador und anderen Andenwäldern könnten prüfen, ob die Gattung Lücken zwischen Kolumbien und Peru schliesst.
Der Fund liefert der Botanik eine präzisere Karte der Evolution der Nachtschattengewächse, doch sein Fortbestand hängt davon ab, seltene Wälder zu sichern, bevor ihre Hinweise verschwinden.
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