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Glyphosat-Papier zu Roundup nach 25 Jahren zurückgezogen: Vorwürfe gegen Monsanto

Mann im weißen Kittel erklärt in Büro mit Pflanzen und Aktenordnern Aufzeichnungen auf Tisch.

Rückzug nach 25 Jahren: Einflussnahme-Vorwürfe im Zentrum

Ein umstrittener wissenschaftlicher Fachartikel, der behauptete, das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat (Markenname Roundup) „stellt kein Gesundheitsrisiko für Menschen dar“, ist 25 Jahre nach seiner Veröffentlichung offiziell zurückgezogen worden. Grund dafür sind gravierende ethische Bedenken im Zusammenhang mit mutmasslicher Einflussnahme durch die Industrie.

Der formale Rückzug erfolgt acht Jahre nach einem Gerichtsverfahren aus dem Jahr 2017, in dem festgestellt wurde, dass Mitarbeitende des Chemiekonzerns Monsanto an Ghostwriting bei der Sicherheitsbewertung des Herbizids beteiligt gewesen sein sollen.

Der nun zurückgezogene Text zählte zu den meistzitierten Veröffentlichungen in der wissenschaftlichen Debatte über Glyphosat. Darin wurde berichtet, es gebe keine Hinweise darauf, dass Roundup Krebs verursache, endokrine Störungen auslöse oder für Menschen toxisch sei.

Veröffentlicht wurde der Artikel im Jahr 2000 in Regulatory Toxicology and Pharmacology; als Autoren werden Gary Williams, Robert Kroes und Ian Munro genannt. Dass die damaligen Schlussfolgerungen nun kassiert werden, wirft neue, gewichtige Fragen zur Sicherheit von Roundup auf.

Begründung des Journals und offene Fragen zur Autorenschaft

„Der Rückzug basiert auf mehreren kritischen Punkten, die die akademische Integrität dieses Artikels und seiner Schlussfolgerungen untergraben“, schreibt der Co-Chefredakteur der Zeitschrift, Martin van den Berg, in einer im November 2025 veröffentlichten Rückzugsmitteilung. Beim Versuch, Williams als einzigen noch lebenden Autor zu kontaktieren, habe er keine Antwort erhalten.

„Dieser Artikel wurde weithin als ein maßgeblicher Beitrag in der Diskussion über die Karzinogenität von Glyphosat und Roundup angesehen“, so van den Berg.

„Die fehlende Klarheit darüber, welche Teile des Artikels von Monsanto-Mitarbeitenden verfasst wurden, erzeugt jedoch Unsicherheit hinsichtlich der Integrität der gezogenen Schlussfolgerungen.“

Zu den von van den Berg genannten „kritischen Punkten“ gehört unter anderem, dass die Bewertungen zu Krebsbezug und genetischer Toxizität ausschliesslich auf unveröffentlichten Studien von Monsanto beruhten. Zugleich seien viele andere Langzeitstudien, die zum Zeitpunkt der Erstellung der Übersichtsarbeit bereits abgeschlossen waren, nicht berücksichtigt worden.

Die mangelnde Unabhängigkeit der Autorenschaft „wirft ernsthafte ethische Bedenken hinsichtlich der Unabhängigkeit und Verantwortlichkeit der Autoren in diesem Artikel auf“, hält van den Berg in der Mitteilung fest. Zudem nennt er die fehlende Offenlegung der Beteiligung von Monsanto-Mitarbeitenden sowie finanzielle Vergütungen, die die Autoren möglicherweise vom Unternehmen erhalten hätten.

Roundup, Monsanto und Bayer: Einsatz in der Landwirtschaft und „Roundup Ready“-Pflanzen

Monsanto brachte Roundup 1974 auf den Markt; 2018 wurde das Herbizid im Zuge der Übernahme Monsanto’s von Bayer übernommen. Bayer betont weiterhin, der Wirkstoff sei bei Anwendung gemäss Gebrauchsanweisung sicher.

Glyphosat zählt weltweit zu den am häufigsten eingesetzten Herbiziden. Es wird sowohl von landwirtschaftlichen Grossbetrieben als auch von Hobbygärtnerinnen und Hobbygärtnern gekauft, um unerwünschte Beikräuter zu bekämpfen.

In der Landwirtschaft wurde der Wirkstoff zudem eng zusammen mit „Roundup Ready“-Kulturen vermarktet – Pflanzen, die gentechnisch so verändert wurden, dass sie die Wirkung von Glyphosat überstehen. Dazu gehören derzeit:

  • Soja
  • Mais
  • Raps
  • Zuckerrüben
  • Baumwolle
  • Luzerne

Durch diese gentechnische Veränderung können Landwirtinnen und Landwirte Glyphosat grossflächig auf Feldern ausbringen: Absterben sollen dabei alle Pflanzen ohne eingebaute Resistenz, während die Nutzpflanzen erhalten bleiben.

Zitatlage, WHO-Einstufung und laufende Klagen

Parallel wachsen die Sorgen über mögliche Folgen für die menschliche Gesundheit – und darüber hinaus über weitreichende Effekte auf andere Bestandteile natürlicher und menschlicher Ökosysteme.

Die Harvard-Wissenschaftlerin Naomi Oreskes stellte fest, dass der inzwischen zurückgezogene Artikel in mehr als 800 wissenschaftlichen Arbeiten, in Dutzenden von Regierungsdokumenten sowie in mehreren Wikipedia-Artikeln zitiert wird. Sie weist darauf hin, dass viele grosse Sprachmodelle heute auf solche Inhalte als Informationsquelle zurückgreifen.

Im Jahr 2015 stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation (WHO/IARC) Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend ein – eine Bewertung, die sich überwiegend auf Tierstudien stützte. Andere Gesundheitsbehörden und Organisationen kommen jedoch zu abweichenden Einschätzungen.

Um zu klären, ob Glyphosat für Menschen tatsächlich ein reales Risiko darstellt, wird es belastbare, wirklich unabhängige Forschung brauchen.

Bislang hat Bayer im Zusammenhang mit Klagen zur potenziellen Karzinogenität von Roundup, die im Jahr 2020 anhängig waren, $10 billion gezahlt; mehr als 67,000 weitere Fälle stehen noch aus.

Die Rückzugsmitteilung und der Originalartikel sind in Regulatory Toxicology and Pharmacology veröffentlicht. Eine Auswertung der Wirkungsgeschichte des zurückgezogenen Artikels erschien in Science.

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