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Papierschnitte: Warum 65 Mikrometer dickes Papier am gefährlichsten ist – und die Papermachete

Person misst mit Schieblehre die Dicke einer weißen Papprolle auf einem hellen Holztisch.

Es ist schon den Besten passiert: Man macht nichtsahnend seinen Kram, klebt Umschläge zu oder tauscht den Papierstapel im Drucker aus – und dann: tssssss, aua. Ein frisch gezogener Papierschnitt, und schon verteilt sich rubinrotes Blut auf der eben noch makellos weissen Oberfläche.

Trotzdem Papierschnitte so alltäglich sind, verstehen wir die Physik dahinter erstaunlich schlecht: Wie kann die Kante eines Materials, das sich eigentlich leicht knicken und reissen lässt, die Haut so schneiden, dass es bis aufs Blut geht?

Physikerinnen und Physiker der Technischen Universität Dänemark haben in Experimenten nun ein zentrales Merkmal der schlimmsten „Übeltäter“ herausgearbeitet: Papierblätter mit einer Dicke von etwa 65 Mikrometern.

Dazu zählen demnach unter anderem Nadeldruckerpapier, Zeitungspapier sowie das Papier, auf dem einige Magazine und wissenschaftliche Fachzeitschriften gedruckt werden.

Warum Papierschnitte überhaupt funktionieren

Intuitiv würde man vermuten, dass eine möglichst dünne Kante am gefährlichsten ist. Doch extrem dünne Papiere – etwa Kosmetiktücher – sind so nachgiebig, dass ihre Kanten beim Kontakt mit der Haut einfach ausweichen und einknicken. Umgekehrt sind sehr dicke Papiere schlicht zu stumpf.

Bei rund 65 Mikrometern liegt offenbar die „Goldlöckchen-Zone“ für Papierschnitte: dick genug, um die Form zu halten, und gleichzeitig dünn genug, um eine schneidfähige Kante zu bilden.

„These results allow us to assess the relative safety of various product categories broadly,“ schreiben die Physiker Sif Fink Arnbjerg-Nielsen, Matthew Biviano und Kaare Jensen in ihrer Arbeit.

„While tissues, books, and photos are generally safe, we cannot rule out certain risks of using office paper or magazines. In the future, paper manufacturers, printers, and publishing companies may wish to consider this during the product design process.“

Experimente der Technischen Universität Dänemark

Papierschnitte gelten normalerweise nicht als ernsthafte Verletzung – und in den meisten Fällen sind sie das auch nicht. Es brennt kurz, nervt, und dann macht man weiter.

Meistens.

Für manche Patientinnen und Patienten können sie durchaus gefährlich werden. Und unabhängig davon: Niemand freut sich über einen Papierschnitt. Ausserdem ist die Mechanik dahinter ein spannendes Rätsel – also machten sich Arnbjerg-Nielsen und ihr Team daran, es systematisch zu untersuchen.

Für die Versuche nahmen sie Papierbögen mit unterschiedlichen Dicken und versuchten, damit frisch hergestellte Gelatineblöcke zu schneiden, deren Konsistenz der von menschlichem Gewebe ähneln sollte. Anschliessend liessen sie das Papier mit einer Maschine bei genau kontrollierter Geschwindigkeit und unter verschiedenen Winkeln über die Gelatine gleiten; eine Videokamera zeichnete die Ergebnisse auf.

Dabei zeigte sich: Dünneres Papier knickt unter Druck schlicht weg – es kommt gar nicht erst zum Schnitt. Dickere Bögen dagegen hinterlassen in der Gelatine vor allem eine Delle, statt einzudringen.

Im nächsten Schritt entwickelten die Forschenden eine Formel, mit der sich die Papierdicke bestimmen lässt, die für das Schneiden durch menschliches Gewebe am effizientesten ist. Demnach liegt der potenziell gefährlichste Bereich zwischen 50 und 100 Mikrometern – mit 65 Mikrometern als optimalem „Sweet Spot“.

65 Mikrometer als Sweet Spot – und die Papermachete

Wie die Forschenden betonen, kann dieses Ergebnis helfen, Papierprodukte so zu gestalten, dass sie weniger wahrscheinlich „zurückbeissen“. Es lässt sich aber auch in die andere Richtung nutzen.

Auf Basis ihrer Messungen entwickelten sie ein günstiges Papier-Skalpell mit dem Namen Papermachete. Damit konnten sie Apfel, Hähnchenfleisch, Paprika und Bananenschale schneiden.

Die Papermachete wird Metallmesser nicht ersetzen – aber zur Not funktioniert sie, was durchaus bemerkenswert ist. Die 3D-Druckdateien für den Griff sind kostenlos online verfügbar.

Schnittwinkel und Verhalten: So lassen sich Papierschnitte vermeiden

Um besser zu verstehen, welche Rolle der Schnittwinkel dafür spielt, wie leicht Papier Menschen schneiden kann, braucht es weitere Forschung. Bis dahin bleibt zumindest die Möglichkeit, durch sorgfältigeren Umgang mit Papier die eigenen Chancen zu verbessern.

„It is worth pointing out,“ schreiben die Forschenden, „that the habits and dexterity of the user also play a role. In particular, most paper cuts can be avoided by adhering to a strict near normal-contact regimen, which minimizes the cutting likelihood.“

Sie haben uns wohl gerade ungeschickt genannt. Unverschämt.

Die Studie wird in Physical Review E veröffentlicht.

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