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Offene Regale: Warum Instagram-Showroom-Küchen jetzt die Oberschränke ersetzen

Hände stellen weißen Tellerstapel auf Holzregal mit Glasbehältern und Basilikum-Pflanze in heller Küche.

Keine Türen, die krachend zufallen. Keine Scharniere, die quietschen. Kein hektisches Wühlen hinter vergilbten Fronten. Stattdessen: offene Regale, eine Reihe weisser Teller wie in einem Designladen – und dieses seltsame Gefühl, man sei direkt in Instagram gelandet, nicht in einer echten Küche, in der Toast anbrennt und Pasta aufgewärmt wird.

An einem grauen Dienstagmorgen in einer kleinen Londoner Wohnung steht Emma vor der Wand, an der früher ihre Oberschränke hingen. Jetzt sind dort nur ein paar Kiefernholzböden, ein Stapel Schüsseln und eine einzelne, herabhängende Pflanze. Plötzlich wirkt die Wand höher, heller … und irgendwie nackt.

Ihr Mann murmelt etwas von Staub. Ihre Mutter schreibt: „Und wohin stellst du die guten Gläser?“ Emma zuckt mit den Schultern, macht ein Foto und postet es. Keine paar Minuten später prasseln die Likes ein. In unseren Küchen passiert gerade etwas – und es hat längst nicht nur mit Stauraum zu tun.

Abschied von klobigen Schränken, hallo offene „Showroom“-Küchen

Früher war die Küchenregel klar: Alles verstecken. Kisten an der Wand, Kisten unter der Arbeitsplatte, Kisten in der Vorratskammer. Überall Türen. Heute schrauben immer mehr Menschen diese Kisten von der Wand und ersetzen sie durch offene Regale, Relings und möbelartige Elemente, die eher nach Wohnzimmer als nach Labor aussehen.

Wer durch Instagram oder TikTok scrollt, sieht überall denselben Look: lichtdurchflutete Wände, offene Böden, Gläser in Reih und Glied. Die Küche ist nicht mehr nur der Raum, in dem gekocht wird; sie ist Kulisse für unser Leben im Netz. Daraus entsteht ein neuer Druck: Nicht nur satt machen, sondern auch die Pfanne kameratauglich inszenieren.

Interessant ist: Der Anstoss kam nicht zuerst aus Hochglanz-Showrooms, sondern aus kleinen Wohnungen und Mietküchen, in denen das Budget knapp war und Oberschränke erdrückend wirkten. Ein Eimer Farbe, ein paar Winkel, ein simples Brett aus dem Baumarkt – und schon sieht eine alte Küche eher nach „europäischem Café“ aus als nach „Standard vom Bauträger“. Es kostet weniger als eine Komplettsanierung, produziert weniger Abfall als alles herauszureissen, und bedient eine Fantasie: Alltagschaos, aber als ruhiges, kuratiertes Bild.

Ein Londoner Designstudio schätzt, dass über 40% der jüngsten Stadtprojekte auf mindestens einer Wand auf Oberschränke verzichten. Vermieter berichten, jüngere Mieter fragten, ob sie „diese Kästen abnehmen und einfach Regale machen“ dürften. In Paris beschreiben manche Makler winzige Wohnungen nebenbei als Küche mit „Galerie-Charakter“ – obwohl es faktisch oft nur zwei offene Bretter und eine Reling dort sind, wo früher Hängeschränke waren.

Ein Paar aus Berlin erzählte, es habe knapp 3.000 € gespart, indem es in seiner 10 m² grossen Küche keine Hängeschränke einplanen liess und stattdessen auf Bohlen aus Altholz setzte. Die Begründung war schlicht: Die Oberschränke waren der teuerste Posten im Angebot – und das Geld sollte lieber in gute Geräte fliessen. Die Vorher-nachher-Bilder wirken drastisch: derselbe schmale Raum, nun so luftig, dass man Freunde einladen kann, ohne dass jemand mit dem Kopf an eine Schranktür stösst.

Gestalter formulieren es gerne nüchtern, aber die Gründe sind sehr menschlich. Man möchte sehen, was man besitzt, statt es im Dunkeln zu vergessen. Man ist müde von schweren, visuellen Blöcken über kleinen Arbeitsflächen. Und man wünscht sich etwas, das sich leichter anpassen lässt: ein Regal, das man umstylen kann, eine Reling, die man versetzt, ein Hocker, der beim Besuch nebenbei zum Beistelltisch wird.

Die „Instagram-Showroom“-Küche ist im Kern Stauraum als Bühne. Tassen werden Dekoration. Pastagläser werden Requisiten. Der Inhalt ist das Styling.

Dazu kommt eine psychologische Ebene. Offene Aufbewahrung schiebt einen – sanft oder auch nicht – in Richtung weniger Besitz und besserer Auswahl. Wenn jede angeschlagene Tasse sichtbar ist, wird Ausmisten plötzlich sehr real. Und ja: Das kann sich gleichzeitig befreiend und gnadenlos anfühlen.

So wird aus einer chaotischen Küche ein Open-Shelf-Star

Der Trend beginnt selten mit dem Vorschlaghammer, sondern mit einer einzigen freien Wand. Wer wenig Stauraum, aber viel Kram hat, nimmt am besten die am wenigsten praktischen Oberschränke – oft die, an die man kaum herankommt oder die voller rätselhafter Tupperdeckel sind – und stellt sich diesen Bereich einmal komplett leer vor.

Danach hilft es, in „Zonen“ zu denken, nicht im Durcheinander. Ein Regal nur für Alltagsgeschirr. Eins für Gläser. Ein fester Platz für Gläser und Vorratsdinge, die tatsächlich gut aussehen. Der Trick ist Wiederholung: gleiche Teller gestapelt, gleiche Gläser in einer Reihe, ähnliche Becher. Das wirkt ruhig – selbst wenn darunter in der Schublade Plastikbehälter herrschen.

Wer zur Miete wohnt, muss nicht gleich alles abreissen. Man kann auch nur die Türen abnehmen und sicher verstauen und den offenen Korpus als eine Art Regalersatz nutzen. Ein Anstrich innen, ein Streifen LED-Licht – und aus der dunklen Kiste wird eine kleine Ausstellnische.

Seien wir ehrlich: Niemand macht das im Alltag wirklich jeden Tag so. Die makellos farbkorrigierten Regale aus dem Netz werden meist einmal gestylt, fotografiert – und danach nach und nach von der Realität zurückerobert: Reispäckchen, Vitaminflaschen, Kinderbecher mit Comicgesichtern.

Sinnvoll ist, festzulegen, welche 20% des Stauraums „Showtime“ sind – und welche 80% entspannt verschwinden dürfen. Alles Nötige, aber Unschöne kommt in Unterschränke, Schubladen oder in einen einzigen Vorratsschrank mit Türen. Offene Ablagen sollten nur das tragen, was man ständig nutzt und morgens um 7 Uhr mit verquollenen Augen ohne Genervtsein sehen kann.

Fehler Nummer eins: Regale zu tief planen. Tiefe Böden verführen zu Stapeln. Leichte, flachere Regale – 20 bis 25 cm – nehmen Teller und Gläser auf, verhindern aber das doppelte Hintereinanderstellen. Fehler zwei: dreissig Farben und Stile mischen. Wenn alles zufällig ist, liest das Gehirn „unordentlich“ – egal, wie oft man wischt.

„Früher haben wir Küchen wie Stauraummaschinen entworfen“, sagt Innenarchitektin Lara K., die beobachtet hat, wie der Trend in den letzten drei Jahren explodiert ist. „Heute wollen Kundinnen und Kunden, dass sie sich wie soziale Räume anfühlen. Offene Regale haben weniger mit Perfektion zu tun, sondern eher damit zu sagen: So leben wir wirklich – nur schöner.“

Unter dem Ganzen liegt auch etwas Emotionales. An schlechten Tagen schreit dich eine überfüllte Küche an, bevor du überhaupt Kaffee hattest. An guten Tagen wirken eine einfache Reihe Schüsseln und eine Pflanze am Fenster wie ein winziger Luxus im Alltag. Und an einem normalen Dienstag möchtest du einfach einen Teller greifen, ohne fünf Türen zu öffnen.

  • Fang mit einem offenen Abschnitt an, nicht mit der ganzen Küche.
  • Alltagsdinge auf Augenhöhe platzieren, selten Benutztes weiter oben.
  • Farben und Materialien wiederholen, damit es ruhiger wirkt.
  • Körbe oder Boxen im obersten Regal für weniger schöne Dinge nutzen.
  • Ein „lebendiges“ Mass an Unordnung akzeptieren: Das ist ein Zuhause, kein Schaufenster.

Mit einer Showroom-Küche im echten Alltag leben

Offene Küchen wirken online glamourös, doch entscheidend ist das langsame, tägliche Erleben: der Morgenstress, der Snack spät am Abend, das Vorkochen am Sonntag. Wenn Oberschränke fehlen, können Gewohnheiten sich nicht mehr verstecken. Das klingt streng – und kann trotzdem überraschend erdend sein.

Viele, die auf offene Aufbewahrung umstellen, beschreiben denselben Verlauf. Erste Woche: Euphorie, der Raum fühlt sich doppelt so gross an. Zweite Woche: Panik wegen Staub und Fingerabdrücken. Ab Woche vier stellt sich ein neuer Rhythmus ein. Man nutzt immer wieder dieselben wenigen Teller, gibt Überschüsse ab und verbringt weniger Zeit vor einer Tür mit der Frage, was wohl dahinter steht.

Für viele ist die grösste Überraschung, wie viel sozialer der Raum wird. Freunde orientieren sich an offenen Regalen wie an einer Bar: Es ist leicht, mitzuhelfen, Gläser zu nehmen, sich zuhause zu fühlen. Die Grenze zwischen „Gast“ und „Gastgeber“ wird weicher. Die Küche ist nicht mehr privates Backstage, sondern Teil der Hauptbühne – zum Guten wie zum Schlechten.

Dahinter steckt ausserdem eine grössere Geschichte. Weil Wohnen kleiner und teurer wird, soll die Küche mehr leisten: Büro, Esszimmer, Hintergrund für Videocalls. Der Showroom-Look ist nicht nur für Likes da; er sagt leise: „Dieser kleine Raum ist es wert, beachtet zu werden.“

Und jede und jeder kennt diesen Moment: Man betritt eine Wohnung, sieht die Küche – und versteht sofort etwas über das Leben der Menschen dort. Offene Regale, keine Oberschränke, eine bewusst reduzierte Reihe Schüsseln erzählen eine sehr konkrete Geschichte: weniger von Perfektion, mehr davon, was im Bild bleiben darf – und was nicht.

Kernpunkt Details Warum das für Leserinnen und Leser wichtig ist
Oberschränke wegzulassen senkt Renovierungskosten Wer auf Hängeschränke verzichtet, kann in einer kleinen Küche £800–£2,000 sparen, besonders bei Massanfertigung, Türen und Beschlägen. Einfache Kiefer- oder Metallregale plus Winkel und Farbe liegen oft bei unter £250. Macht den Look „neue Küche“ finanziell greifbar, wenn eine komplette Erneuerung nicht drin ist – und schafft Budget für bessere Geräte oder Arbeitsplatten.
Flache Regale sorgen für einen ordentlichen Eindruck Regale mit etwa 20–25 cm Tiefe tragen Teller und Gläser, verhindern aber, dass man doppelt stapelt. Alles, was tiefer ist, wird schnell zur Ablagefläche für alles Mögliche. Verringert visuelles Chaos und tägliche Frustration – besonders in kleinen Räumen, in denen jeder zusätzliche Zentimeter zählt.
70–80% der Dinge bleiben besser unsichtbar Nur Alltagsdinge, am besten passend oder neutral, sollten sichtbar stehen. Plastikdosen, Kinderflaschen und Lebensmittelpacks verschwinden in geschlossenen Unterschränken oder einem einzigen „Utility“-Schrank. So bekommt man das Instagram-Gefühl, ohne so zu tun, als würde man mit drei Tellern und einem Holzlöffel leben.

FAQ

  • Sammeln offene Regale nicht einfach Staub und Fett? Ein bisschen Staub setzt sich ab, ja. Regale mit Dingen, die täglich genutzt werden, bleiben aber überraschend sauber, weil ständig Bewegung drin ist. Ein kurzes Abwischen alle ein bis zwei Wochen und das Waschen selten genutzter Teile vor einem besonderen Essen reicht meist.
  • Ist der Trend für Familien mit Kindern praktisch? Kann er sein, wenn man gezielt auswählt. Offene Regale eignen sich für unzerbrechliche Schüsseln, Alltagsbecher und Snacks, die Kinder selbst greifen können. Zerbrechliches oder Schweres gehört weiter unten oder hinter Türen.
  • Muss ich den Grossteil meines Küchenkrams loswerden? Nein, aber ein Reduzieren hilft. Viele packen Dubletten und ungenutzte Gadgets in Kisten, leben einen Monat ohne sie und spenden danach nur, was sie wirklich nicht vermisst haben.
  • Kann ich den Look testen, ohne in die Wand zu bohren? Ja. Nimm ein paar Schranktüren ab und streiche die Innenflächen – oder nutze freistehende Leiterregale und schmale Bücherregale, um das offene, luftige Gefühl nachzuahmen.
  • Schadet es dem Wiederverkaufswert, wenn Oberschränke fehlen? In Wohnungen mit ohnehin wenig Stauraum möglicherweise. In vielen urbanen Märkten erwarten Käuferinnen und Käufer inzwischen aber mindestens eine offene, gestaltete Wand. Ausreichend geschlossener Stauraum an anderer Stelle gleicht das meist aus.

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